2005 - Archiv

01.12.2005

Was braucht's? Sex und gute Geschichten! Gute Aussichten im Museum für Fotografie

Im Oberstübchen des Museums für Fotografie, im Volksmund auch Newton- Museum genannt, Räume deren Charme durch unsanierte, raue Wandabschnitte bestimmt wird. Ein besonderer Reiz, eine besondere Ausstrahlung. Ein Ort voller Geschichte in dem ehemaligen Casino in der Jebenstrasse wird bespielt von junger, derzeit noch programmatisch ausschließlich deutscher, Fotografie. "gute aussichten. junge deutsche fotografie 2005/2006" zum ersten, nein zum zweiten. Dreizehn prämierte Absolventenarbeiten, betreut und kuratiert von einer durchaus namhaften Jury geben sich ein ..., nein hinterlassen einen tiefen Eindruck.

Dank Unterstützung des Goethe-Institutes ist das Ausstellungskonzept nun auch international zu bewundern. Die Professionalisierung der Ausstellungsplanung schlägt sich nieder in der Ausweitung der Präsentationsplattformen, die dieses Jahr, oder auch mit dieser Ausgabe sogar zwei Teiche überspringen wird. So ist, dies sei unterstellt, der Schwerpunkt "deutsche Fotografie" angesichts steigender Nachfrage von deutscher Fotografie im Ausland keine rein inhaltlich getragener, kurz gebunden eher ein wirtschaftlich getragener Aspekt mit Missionars-Funktion. Ein Prosit auf den Export-Überschuss.

Doch die Einzigen Namen die hier fallen werden, sind die der Fotografen, die mitunter ausgezeichnete Konzepte abgeliefert haben.

Der bildnerische Wert ist enorm, bsp. bei Nadine Fraczkowski, deren Arbeit "Labelstore" sich mit Stilbildung innerhalb von Jugendkulturen beschäftigt, genauer gesagt ist damit die einhergehende Relevanz von Markenprodukten bei der Trendbildung gemeint. Begriffe wie Einfachheit, Direktheit oder Hoffnungslosigkeit fallen mir da ein. Aber Auch Sex, Sucht oder Exzess. Ihr Bildstil spiegelt auf sehr authentische Art Lebensstile der Gegenwartskultur wieder. Philipp Goldbachs "Japan Ekphrasen" überschreiten die Grenzen von Fotografie deutlich dahingehend nur noch Bildbeschreibungen und Lagepläne von Aussichtpanoramen an die Wand zu hängen; schon mal gesehen, dennoch für reine Fotografen ein wichtiger Schritt zur Erarbeitung von progressiven Bild- und Themenkollaborationen. Für Freunde inszenierter Fotografie bieten sich Bettina Metzens "Selbstgespräche mit dem Universum" an. Arbeiten in denen die narrativen Qualitäten eines Jeff Wall mit den architektonischen Kompositionen des Dekonstruktivismus oder auch den Lichtinszenierungen des Surrealismus kokettieren. Lob auch für "Eisbären" von Delia Keller deren Spiel mit Emotion, Dualität im Identitätskomplex, Vergangenheit und Misstrauen mit dem kompositorischen Mittel der Nonlinearität im Film die Frage nach der "ultimativen Wirklichkeitsebene" stellt. Doch es gibt noch mehr Eindrücke. Ich sage danke für die Beseelung meines Lebens durch eure Bilder.

PDF-Version der Doppel-Ausgabe Berlin | Art | Info Dezember 2005/Januar 2006

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01.10.2005

Liaisons dangereuse - Produkt und Vision

Um aus dem ewigen Kreislauf der Abhängigkeit von Kunstverkäufen und staatlichen "Subventionen" heraus zu kommen, starteten die beiden Künstler Mari Brellochs und Henrik Schrat zusammen mit dem Flutgraben e.V. eine enge Zusammenarbeit mit dem Cornelsen Verlag. Die Cornelsen Maxime "lebenslanges Lernen" und die Bereitschaft sich in die Karten schauen zu lassen, sollten ein innovatives Kunstprojekt begleiten. Als schwierig stellte sich der gewaltige kommunikative Aufwand innerhalb der Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsunternehmen heraus. Was kann die Kunstfabrik einem Player wie Cornelsen bieten. Alles und nichts hieß, es womit ein Basiselement für das wirtschaftliche Denken der Consultants bis zu dem Tag der Erfüllung als vage zu betrachten war.

Aus der Ausstellung: Joél Verwimp erweiterte die ISO 9001 Norm, die für Umsetzung von Arbeitsprozessen herangezogen wird, zur interaktiven Enzyklopädie ISO 9001+ um eine künstlerische Dimension. Brellochs benutzt in seiner Video-Installation von Mitarbeitern gedrehtes Filmmaterial. Nicht zuletzt hat man im Flutgraben die Möglichkeit eine Arbeit von Raumlabor (Der Berg) zu sehen.

Trotz aller Innovationen, der Suche nach Wegen für die Kunst, ein bisschen Wehmut schimmert durch, ganz zart und scheint auf die leere Stelle, dort, wo der frei Gedanke war, die Unbeschwertheit und Leichtigkeit unbeeinflusster Gedanken über Kunst. Sie reicht bis zur Verwirrung über die Schnittstellen und Trennlinien zwischen Kunst und Wirtschaft. Aura On - Aura Off. Den Hut aber ab.

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01.09.2005

B4 play video

macht im nüchternen "artcenter" in der Friedrichstrasse aus einem "white" einen "black cube" zugunsten des derzeit wahrscheinlich größten Video-Kunst-Events in Berlin. Mehr noch als die Namen der Kuratoren interessierten uns die Namen der gezeigten Video-Künstler. Wenn man einen Blick auf die Listen der ausstellenden Galerien legt, erwartet man Großes. Zwei Möglichkeiten der Präsentation gibt es: entweder es sieht aus wie in der TV-Abteilung bei Saturn oder - konsequent und nicht mittelmäßig - es würde der Glaspalast samt Scheiben von innen schwarz gestrichen - traut euch!

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01.08.2005

Mein Leben hat angefangen, als ich nach Amerika gegangen bin - Stefanie Schneider, 36

BAI: Was zeigst du mir?

StSch: Das "Sidewinder" das kommt dann auch im Kulturweltspiegel - deswegen wird es auch bei Lumas in der Ausstellung gezeigt, und auch dieses "Hitch-hiker"- Projekt - Mmmh, einfach Fotos zusammen geschnitten, nicht wirklich ein Video.

BAI: Arbeitest du mit Schauspielern oder Freunden?

StSch: Es sind immer Freunde - dann sind wir in die Wüste gefahren. Mit Fremden kann ich das nicht - Super 8 habe ich dann ein bisschen draufgehalten (zeigt auf das Video) - Ich habe auch gar nicht gewusst, ob die Kamera geht, ... dass das so schön ist!

BAI: Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Lumas gekommen?

StSch: Die haben mich einfach angesprochen, ich fand das Konzept ganz schön. Dass sich jeder Kunst leisten kann und dass man so auch eine ganz andere Präsenz plötzlich bekommt, aber ich hatte nicht gedacht, dass es so viel Auseinandersetzungen mit meinen Galeristen gibt, die das teilweise als absolute Konkurrenz betrachten und das gar nicht wollen - für mich ist es persönlich sehr stressig - den Druck von allen Seiten zu kriegen - ich lass mir da auch von niemanden anderes reinreden, weil, mir ist wichtig: in erster Linie geht's es um meine Arbeit und dass ich die gut machen kann.

BAI: Nun ist ja bekannt das Lumas nichts anfasst was nicht Geld bringt? Fühlst du dich jetzt instrumentalisiert?

StSch: Die wissen wie man ein Produkt vermarktet und ein Künstler ist ja auch im gewissen Sinne ein Markenprodukt, wenn man eine eigene Sprache hat - es geht alles sehr schnell und es passiert was und ich bin sehr ungeduldig.

BAI: Das ist also auch deine Art zu arbeiten?

StSch: Ja eigentlich schon und ich habe auch einen sehr großen Output ... Ich war halt mit denen (zeigt auf das Video) 24h in der Wüste und das ist das was dabei herausgekommen ist - ich möchte auch einen kompletten Film nur aus Polaroid demnächst mal machen - mit Drehbuch und Schauspielern - allerdings mit einem Projekt zusammen mit mehren Freunden - Mark Forster zum Beispiel ist einer von denen - und Rada Mitchell, so dass das es ein Gruppenprojekt wird - jeder hat so seinen Teil .. ich hab die Polaroids, während Mark halt die Regie führt bei den Schauspielern, so dass jeder seine Geschichte umsetzt - ganz am Anfang habe ich in Einzelprojekten gearbeitet ...

BAI: Wie sieht sonst dein Kontakt zur Berliner Kunst-Szene aus?

StSch: Ich gehe sonst kaum weg, Ich arbeite eigentlich 16-20 Stunden am Tag, ich kenne hier auch eigentlich keinen. Meine Heimat ist LA - da habe ich viele wichtigen Erfahrungen zwischen 13 und 37 gemacht - Mein Leben hat angefangen, als ich nach Amerika gegangen bin - bin auch nur zufällig wieder auf die Fotografie gestoßen - bin dann über so einen Polaroid-Karton gestolpert - war superbillig 50cent die Packung, weil's es völlig überlagert war, am nächsten Tag die Kamera. Ich wäre auch nie Künstler geworden. Was ist das überhaupt für eine Idee - Künstler werden das ist schon ein bisschen komisch - Susanne Vielmetter von der Galerie LA Projects, das war eigentlich meine erste Galerie.

BAI: Danke für das Interview, Stefanie

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01.07.2005

Volkeskunst - Yellow arrow

Blinkenlights hat?s vorgemacht: weltumspannende Kunst-Netzwerke mittels Handykommunikation. Rasterbilder für die geschundene Städter-Seele. Ein erhöhter Schwierigkeitsgrad. Nun geht?s viel einfacher: klebe einen deiner geschenkten Yellow- Arrow- Sticker auf irgend?ne Mülltonne oder andere Orte die du wichtig findest und für 0,49 Cent pro SMS weiß jeder, dass du die Tonne zuerst markiert hast kann. Und des Tonnen-Finders Ergüsse zu diesem Ort, werden jedem SMS-Info-Junkie gleich mitgeliefert. Nur zu schade, dass schreiben so leicht fällt, weshalb man sich auch die schwachsinnigsten Emissionen so manches Bratwurstproleten für bare Münze abholen kann. Wo ist die Metaebene?

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01.07.2005

Mehr Zeit für Dahlem - ChÜ´jin Video und Out of ordinary

Das Museum für Ostasiatische Kunst am Rande der City im grünen gemütlichen Dahlem, verführt uns mit Hilfe der Kuratorin Kasahara Michiko in die fernöstlichen Kulturen einzutauchen. Im Kern eher mit Kunsthandwerk und traditionellem Repertoire bestückt, gibt es dem Besucher mit der aktuellen Ausstellung japanischer Fotografie und Videokunst die ? ?Möglichkeit eines vertiefenden Einblicks ??. Dabei spielt das übergreifende Ausstellungskonzept eine integrative Rolle. Im Hauptraum im 1.OG sind die mittel- bis großformatigen Foto-Arbeiten von Ishiuchi Miyako (Nahaufnahmen der Mutter und deren Besitztümer), Okada Hiroko (Schwangerschaft in Foto und Skulptur), Onodera Yuki (popkulturelle Mode-Inszenierungen) zu sehen. Ergänzt werden sie durch eine gewaltige Neon-Ventilator-Decken-Plastik. Von dort aus streifte mein Blick neugierig in die historischen Abteilungen für Japan und China. Dort findet sich dann auch die Fotoserie von Takano Ruydai (mit viel Haut), die wie selbstverständlich den Dialog mit den grafischen Seiden- und Papierrollen mit historischen Bonsai-Darstellungen aufnimmt. Durch kleine Messingfarbene Behälter geführt gelangt man zur Video-Präsentation der Gruppe ?Invisible Garden?. Deren unprätentiöse Bilder sind geprägt von Skizzen und 3D-Ästhetik unterlegt mit Noise- Klangteppichen und bestehend aus imperativen Schnipseln. Rough! Und so wurde aus 1h ein 3h Aufenthalt.

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Berliner Luft

Einen tiefen kräftigen Zug von der - durch die Design-Preis-Gekürten Foto-Grafiker Orel und Tafel - fotografisch festgehaltenen Berliner Luft möchte man nehmen, denn sie ist rein und klar manchmal etwas sumpfig oder verschwitzt jedoch nie gewalttätig oder sexuell aufgeladen. Eine schöne Welt voller Frosch-Perspektive, Himmel, Rückseiten von menschlichen Anatomien. Sie treiben ein buntes Spiel mit der Stadt unserer Herzen.

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01.05.2004

Berliner Potentiale | Kann Berlin mehr?

Nach fast 15 Jahren Warten auf den Investor, jener sagenhaften Gestalt mit unermesslichem Gold und Silberschätzen im Schlepptau, die nur darauf warten über Berlin ergossen zu werden, hat der Senat erkannt, das eine Neubewertung von Grund- und Mieteigentum nicht nur diskutiert, sondern auch praktiziert werden muss. Seit über einem Jahr ist Schluss mit Miet- und Investorspekulationen, Berlin hat politisch den Weg für einfache und schnelle Umsetzung von Zwischen- und Nachnutzungskonzepten für städtischen Gebäude-Leerstand bereitet. Das bedeutet praktisch, dass ein Leerstand nun nicht mehr 10 Jahre in Bezirkshand bleibt, vergessen wird, um dann letztendlich im völlig maroden (Nanu, das hatten wir doch schon mal) Zustand dem Liegenschaftsfond übertragen zu werden.

Im als Kontakt-Börse gedachtem Symposium Berliner Potentiale in der AdK ist u.a. durch die 1000fach ans Herz zu legende Studie von Dr. Daniel Dahm zum Thema urbane Subsistenz dem Besucher klargemacht worden, dass die wirtschaftliche Qualität einer Stadt wie Berlin mit einem Anteil von über 40% durch freiberufliche Aktivitäten bestimmt wird. Der daraus resultierende Bedarf an kleinen Gewerbeeinheiten, Ateliers, Proberäumen und Büro-Gemeinschaften wird dabei nur unzureichend berücksichtigt. Oftmals können ?kleine Selbständige? die ortsüblichen Mieten nicht leisten. Das erforderliche Umdenken findet nur partiell statt. In Form von privaten Initiativen und Pilotprojekten gelang es immer wieder Leerstand Erfolg versprechend zu vermieten und dadurch angrenzende Straßenzüge mit zuarbeitender Infrastruktur zu beleben. Das Beispiel La Fabrik zeigt den erfolgreichen Übergang in eine private Trägerschaft und lässt für andere Projekte hoffen. Überhaupt scheint es so, als ob nicht städtische Entscheider (Beispiele: Christiania Creative, Kolonie Wedding, Neues Deutschland, Krankenhaus Moabit) gegenüber Städtischen (Bsp. forum K82) im Vorteil sind, weil sie flexibler sind.

Was bedeutet das nun für einen Kreativen. In naher Zukunft werden im Stadtgebiet von Berlin an die 40 Schulgebäude geräumt und stünden somit einer anderen Nutzung zur Verfügung. Schulgebäude, die ideale Basis für Atelierräume, warten auf Konzepte von Sozialen, ehrenamtlichen Diensten oder Kulturschaffenden. Der Gedanke ist nicht neu, kann jedoch nun Früchte innerhalb eines Jahres tragen, vorausgesetzt das dem Bezirk vorgelegte Nutzungskonzept ist schlüssig und stellt Aussicht auf eine wirtschaftliche oder kulturelle Verbesserung des betreffenden Stadtteils dar, kann man hoffentlich bald jeden Quadratmeter fast zu Selbstkostenpreisen mieten. Das bedeutet 2,50 ? 3,50 bei den meisten Gebäuden, viel kann man dafür nicht erwarten, muss flexibel sein was Kündigungsfristen anbelangt. Die sind dann nämlich meist nur ein Monat lang.

Eines muss ich jedoch klarstellen. Die Aufgabe des Atelierbüros im BBK ist keinesfalls überflüssig, vielmehr stellt dessen Engagement die Basisversorgung mit Langzeitlösungen dar.

Wenn ihr euch organisiert, gebt uns Bescheid, damit wir eure Projekte verfolgen können ?

  • www.bbk-kulturwerk.de - Atelierbüro
  • kups.ub.uni-koeln.de/volltexte/2004/1091 - Daniel Dahm Zukunftsfähige Lebensstile - Städtische Subsistenz für mehr Lebensqualität
    ISBN 3-00-0131841
  • www.stadterneuerung.de
  • www.zwischennutzungsagentur.de
    Die Zwischennutzungsagentur
  • Bürgerinitiative K82 ? Mathias Heyden
  • AKS Arbeitskreis Berliner Selbsthilfegruppen im Altbau e.V.
  • Liegenschaftsfond Berlin ? Irene Lindner
  • ?Projekt Zukunft? der Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen ? Tanja Mülhans
  • Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ? Beate Profè
  • Und nicht zu vergessen sämtliche Bezirksämter, Quartiersmanagements, Privatbesitzer

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01.03.2005

Von der Figur zum Drip-Painting - Pollock auf Papier

Viel zu früh ist er gestorben, dieser Protagonist und einzigartige Künstler dessen Bilder sicher jeder schon einmal gesehen hat - vermutlich noch vor kurzem in der MoMA-Schau als gerngesehenes Großformat (Number 1 und Echo (Nummer 25)). Was uns im Deutsche-Gugggenheim erwartet ist eine Auswahl aus 700 Papierarbeiten aus dem ohne hin schon relativ kleinen Werk Pollocks mit intensiven Schaffensperioden aber insgesamt doch sehr kurzer künstlerisch relevanter Aktivität zwischen 1935 und seinem Tod 1956.

Aufgrund der Gleichsetzung seiner Kunstprodukte auf Papier zu denen auf Leinwand entstand auch eine ähnliche Anzahl von losen Blättern und Skizzen in Büchern. Der lange Zeit unter Alkoholismus leidende Pollock therapierte innerhalb psychoanalytischer Behandlungen und erstellte in diesem Zusammenhang drei Skizzenbücher mit Fantasiewesen und anderen figurativen Elementen, die jedoch erst nach seinem Tod gefunden wurden. Dieser ersten Gruppe in der vom Deutsche Guggenheim definierten Vierteilung der Werkabschnitte folgt der durch "exzentrisch-skurrile Ikonographie gekennzeichnete" (Zitat: DG) Teil, der als Reaktion auf den Einfluss durch den Surrealismus entstand. In der besonders intensiven Schaffensphase zwischen 1947 und 1950 wendet er sich völlig von der Figur ab und benutzt mehr und mehr unkonventionellere Techniken des Farbauftrags wie das "dripping" bei den All-over-Paintings. Verwendete Pollock bis zu den 50ern noch Titel wie "Lucifer" oder "Alchemy" so geht er dann dazu über die Bilder einfach zu nummerieren ("Number One"). In der vierten Phase sind fernöstlich kalligrafische Einflüsse oder die Verwendung hochqualitativer Papiere das visuelle Kennzeichen geworden.

Hätten wir ein Gütesiegel für Ausstellungen, hier wäre eines fällig. Danke DG für diese wunderbare Schau.

  • No Limits, Just Edges: Jackson Pollock - Malerei auf Papier
    Deutsche Guggenheim | Unter den Linden 13/15 | 10117 Berlin
    Täglich 11 bis 20 Uhr
    Donnerstags bis 22 Uhr
    Montags Eintritt frei laut MPD, sonst 4€
    www.deutsche-bank-kunst.com/guggenheim
  • Self-Pollocking mit www.jacksonpollock.org make your own Drip-Painting

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01.03.2005

Meisterschüler der UDK Berlin - Progression pur

Der Höhepunkt in der Ausbildung eines Kunststudenten ist nach bestandener Prüfung die Ernennung zum Meisterschüler. Dort live dabei zu sein ist kein Privileg, denn dieser Prüfung ist öffentlich beizuwohnen. Nachdem schon bei der Absolventenprüfung kräftig durchgesiebt wurde, blieb dem versammelten Professoren-Kollegium dann auch nichts anderes übrig als diese gute Vorauswahl insgesamt zum Meisterschüler zu küren. Dennoch, betrachtet man die Arbeiten mit Muße und dem Gespür eines Diskurspropheten, erkennt man deutliche Unterschiede in Technik, Thematik oder Methodik. Das äußert sich dann anerkennend in der letzten jährlich prämierenden Instanz der UDK, der Vergabe des Preises des Präsidenten der UDK und des Walter-Hellenthal-Preises für Malerei an ihre Studierenden. Die Nominierung umfasst 12 Kandidaten ... Jetzt schon positiv aufgefallen sind die Arbeiten von Uta Siebert, die man bereits in einer Ausstellung bei SPHN bewundern durfte. Sie erweitert den zweidimensionalen gezeichneten figurativ gefüllten Bildraum, den sie während eines Stipendiums in Altena erfasst hat, um scherenschnittartige Objekte aus Kautschuk zu einer Installation, einer Zeichnung im Raum. Diskursfähigkeit beweisen die Arbeiten von Mirja Nicola Ruhmke, deren "morphologische Visionen", durch malerische Annäherung an scheinbar mikrobiologische Prozesse den Zweifel an der Wahrnehmungssouveränität des menschlichen Auges untersucht. Ihre dreiteilige Präsentation bietet trotz des homogenen Gesamteindrucks eine detailgenaue Vielfalt. Kunst und Wissenschaft werden hier in überraschender Weise kombiniert und progressiv weiterentwickelt.

Mehr UDK gibt es Ende April auf der Art Frankfurt und im November heißt es dann: And the winner is ...

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01.02.2005

Japan Export oder Koganezawas Lebensfaden

Seltsam still und nachdenklich kommt die aktuelle Arbeit Koganezawas, gezeigt in der Berlinischen Galerie, daher, so als ob der Knall schon lange verhallt ist, man aber immer noch sehen kann wie alles begann. Zusammengesetzt ist die Installation aus Video- Projektion- Triptychon, Plasma- Diptychon und einer weiteren Solo-Projektion. Betrachtet man die dreiteilige Projektion bestehend aus per Animationstechnik endlos aneinander gereihter jedoch Freihand gezeichneter Linien die sich gegenseitig umspielen, verformen und verdoppeln und in scheinbar ständig neu zusammengesetzter Abfolge eine schier endlose Vielfalt der Kompositionsmöglichkeiten auftut, so wissen wir jedoch dass sie keinesfalls dem Zufall unterliegt sondern vielmehr einem strengen Ablauf folgt. Jenes Prinzip der Verschiebung und Aneinanderreihung sehen wir auch in der Doppelung einer nachgestellten Kampfszene in der die Simulation plötzlich zum Stillstand kommt, quasi einfriert und durch direkten Blickkontakt der Akteure den Betrachter in die Stille einbezieht. Der Stipendiatimmigrant Koganezawa produziert Kunst als Derivat kultureller Integration und persönlicher Assimilation. Der Einfluss Berlins scheint spürbar nah. Koganezawas Installationen, Videos, Klangexperimente konnten bislang schon in der Galerie Wohnmaschine verfolgt werden.

Takehito Koganezawa - Sex without sex

  • Berlinische Galerie | Alte Jakobstraße 124-128 | 10969 Berlin
    Montag bis Samstag 12 - 20 Uhr
    Sonntag 10 - 18 Uhr
  • Am 15.03.05 findet eine Aktion zur Ausstellung statt.
  • www.berlinischegalerie.de

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01.02.2005

The prophecies of Neil Postman

REALISMUSSTUDIO, -tainment, Spielformen der Bewusstseinsindustrie

Etwas Zeit sollte man schon mitbringen. Was die NGBK dem Kunst interessierten Volk noch bis zur Finissage am 6. Februar 2005 präsentiert, ist das vielfältige Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Medien, vor allem mit dem "-tainment"- Phänomen, in jenem euphemistischen Medium, dem TV, das die unerträglichsten Vorkommnisse auf der Welt in leicht verdauliche Häppchen verpackt, gerade so dass man keine Dyspepsie davon bekommt, und allenfalls dem Phlegmatikus hofiert wird. Ja liebe Freunde, sie lesen richtig. Hier findet gerade der Abgesang auf die Fernseh-Kultur statt, wenn nur das Volk mitmachen würde - aber dass ist ein anderes Thema.

Dem von Medienkritiker Postman entgegen gewetterten Wandel von der Textbestimmten zur Bildbestimmten Gesellschaft, hat auch für die Kunst fatale Folgen, insofern sie sich nunmehr mit realistischem Bildmaterial Gehör verschaffen muss, um den Betrachter zu erreichen. Auch wenn der überwiegende Teil aller Menschen visuell geprägt ist und demnach leichter Bild als Text verarbeiten kann, bedeutet das jedoch nicht, dass damit eine erhöhte Auseinandersetzungsquote einhergeht. Bilder seien nach Postman weniger für die kritische Auseinandersetzung geeignet.

Hier ist es also, ein neues Hilfsmittel zur Positionsbestimmung; die Qualität dieser Ausstellung offenbart sich erst nach genauem Hinschauen: Man sieht Werke, oder um dem Prozessgedanken besser Rechnung zu tragen, Momentaufnahmen die die einlullende Anwendung von Medientechnik in Form von gesofteten 3D-Darstellungen kolportieren und lediglich in Anlehnung an vergangene Ereignisse Frühstücksfernsehen taugliche Bildwelten schaffen. Daneben Star Trek inspirierte (ooh ich hasse mich für diese Assoziation) Creature-Fantasien mit Schmunzel-Potential.

Typisch künstlerische Methoden der formalen Bild- und inhaltlichen Themen-Kollaboration schaffen jedoch in den meisten Arbeiten den Sprung in höchst interessante, mehrschichtige Kunstprodukte: ein nächtliches Fußballspiel im Flutlicht ohne Ball (A. Kempe), Familienleben einer durch Menschen dargestellten Straußensippe (G. Ben-Ner), oder die Naumansche stumme Interpretation der Synthese aus "Telekolleg" und den "Brainiacs" durch Wood und Harrison. Besonders hervorheben möchte ich noch die Arbeit von B. Melhus - formal eher aus einer vorletzten Dekade - inhaltlich eine Bombe Bj.2001. Dabei reichen die Arbeiten auch tatsächlich bis in die 80er Jahre zurück!

Zum Schluss noch ein Zitat aus meinem Freundeskreis, dass mich nachdenklich gemacht hat: "Im TV sieht man den Feind nur noch als Kalaschnikow bewaffneten Krakeeler oder als Leichenhaufen." In beiden Situationen ist Kommunikation nur schwerlich möglich.

  • NGBK e.V. | Oranienstrasse 25 | 10999 Berlin
    Täglich 12 - 18.30 Uhr
  • Finissage am 6.Februar 2005
  • www.ngbk.de

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01.02.2005

"Digital art ist coming of age"

"Die digitale Kunst wird erwachsen"

Die stetig wachsende Gemeinde der Kunstschaffenden, die statt mit Pinsel und Leinwand mit Art-Pen und Grafik-Tablett arbeitet, und die dadurch resultierende Aufbrechung des Marktes, verlangten geradezu nach einem kompakten Überblick. Den dürfen wir nun in Buchform in den Händen halten.

In einem Interview mit der Berlin-relevanten Größe für die Vertretung digitaler Kunstprodukte, Wolfgang Lieser vom [DAM], erhalten wir einen Ausblick auf zukünftige Präsentationsformen, Kunstmarkt und einen Wettbewerb. Texte von Monika Fleischhauer ( IMK Fraunhofer/ MARS ) oder Bazon Brock zeigen Brisanz auf. Es ist ein Kompendium mit zahlreichen Dossiers zu den Themen Positionsbestimmung, Kunst und Forschung, Kunst und Wirtschaft oder Vermittlung entstanden. Begriffe wie Echtzeit, Simulationen, Interaktivität, Intermedialität, Performativer Turn oder vernetzte Kunst werden umspielt, analysiert, und im gesellschaftlichen Bezug sowohl in Intension als auch in ihrer Relevanz beleuchtet. Ein nicht unwesentliches Kapitel stellt die Gedankenformulierung über die Migration von Kunst und Wirtschaft dar.

Das Layout verwendet zugunsten der Vielfalt teilweise nur XXL-Briefmarkengroße Abbildungen, was manchen Arbeiten nicht gerecht wird. Überwiegend jedoch ist das Gestaltungskonzept schlüssig, sind die Texte gut zu lesen. Auf über 300 in Hardcover gebunden Seiten in exzellenter Druckqualität und einer von Oliver Siebeck besprochenen CD mit MP3-Files aller Texte wird man auf jeden Fall fündig.

  • [DAM] Berlin
    Digital Art Museum
    Tucholskystr. 37
    D-10117 Berlin
    www.dam.org

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