2004 - Archiv

01.12.2004

Le mois de la photo à Berlin

Über 90 Museen, Kulturinstitute und Galerien Berlins nehmen teil am "Monat der Fotografie". Das Festival wurde 1980 in Paris begründet und findet dort seitdem alle zwei Jahre im November statt. Zum ersten Mal organisieren Paris, Wien und Berlin zeitgleich einen gemeinsamen "Monat der Fotografie". Wenn auch erst drei große europäische Städte an diesem Projekt beteiligt sind so wird durch die Vielzahl der Künstler der internationale Charakter dieses Projektes unterstrichen. Jede der drei Städte entsendet außerdem Ausstellungen, vorwiegend in die großen Museen der Partnerstädte.

Herausgekommen ist eine fast unerschöpfliche Menge fotografischer Eindrücke in drei wesentlichen Gruppierungen. Zum einen gibt es die chronologische oder historische Fotografie. "Die zweite erkundet mehr oder weniger unbekannte Regionen und enthüllt neue Perspektiven", so der Veranstalter. Die dritte ist die der frei künstlerischen Erzählfotografie unter Verwendung poetischer oder fiktional-prosaischer Methoden.

Nachdem im letzten Monat Miklos GaÜ¡l auch ohne Einzelausstellung einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat, hier ein paar Highlights fernab der großen Kunst-Institutionen und Museen. In der Galerie Ochs kann man unter dem Titel ?Performing the Body? u.a. Collage-Arbeiten chinesischer Künstler die sich mit den Kontrasten ihres Landes befassen, Landbevölkerung - Stadtbevölkerung , arm-reich, Kommunismus-Kapitalismus, studieren. Jones-Beach bei galerie/store/52º31'52'', 13º22'55'' ist ein Blickwinkel auf den privat zelebrierten Körperkult der Hip-Hop-Kultur fern jener hochstilisierten Video-Kultur festgehalten durch Lucas. SPHN verwöhnt in zentraler Mitte-Lage mit einem der Protagonisten und Shooting Stars der Szene, Santeri Tuori , dessen Fotostills mittels Slowmotion die Grenze zum Video überschreiten. Das Instituto Cervantes präsentiert den Argentinier Marcos Lopez mit seinen ironischen Anspielungen auf seine Heimat in bunten, teils schrillen Bildern. Die Berlinische Galerie beteiligt sich kritisch mit "Architektur der Obdachlosigkeit" einem Projekt der Münchener Straßenzeitung BISS. Viele Ausstellungen laufen bis in den Januar hinein.

Was lernen wir nun: Ein Monat kann 90 Tage lang sein, auch ein alter Karton hat architektonische Qualität und in China ist nicht alles rot.

Bis in zwei Jahren in Madrid, Rom, Bratislava oder Moskau!

Meine vorläufigen Favoriten

Berlinische Galerie Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur

  • Internet www.berlinischegalerie.de
    Alte Jakobstr. 124-128
    Architektur der Obdachlosigkeit | Gemeinschaftsausstellung
    Foto: Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch, Hongkong, 2002

Alexander Ochs Galleries Berlin / Beijing

  • Internet www.alexanderochs-galleries.de
    Sophienstr. 16
    Performing the body | Fotografie und Performance aus China
    2004-11-18 - 2004-12-23
    Foto: Shaoyinong & Muchen, Childhood Memory - Chinese Historical Museum, 2001.8

Instituto Cervantes Berlin

  • Internet www.cervantes.de
    Rosenstr. 18-19
    Sub-realismo criollo | Marcos Lopez
    2004-10-06 - 2004-12-10
    Foto: Marcos Lopez, Umkleideraum, Buenos Aires, 2002

Galerie sphn

  • Internet www.sphn.de
    Koppenplatz 6
    Karlotta | Santeri Tuori (FIN)
    2004-11-06 - 2004-12-24
    Fotos: Santeri Tuori, Karlotta, Videostills Nr.1-4, 2003

galerie/store/52º31'52'',13º22'55''

  • Telephon (+49) (030) 280 971 80
    Chausseestr. 110
    Jones Beach | Lucas
    2004-10-30 - 2004-11-26
    Foto: Lucas, ohne Titel, 2002

01.11.2004

Oder | Odra

16. Oktober bis 7. November 2004

Polen steht nicht erst seit Schengen Rev.´99 in Deutschland hoch im Kurs. Die Ausstellung Oder | Odra die in einer Kooperation der Galeria Amfilada aus Szczecin/Polen und dem Kunstbauwerk e.V. Tabakfabrik Vierraden an der Oder erdacht wurde, bietet ein gute Gelegenheit die boomende polnische Kunst in Relation zu deutschen Positionen zu untersuchen. Präsentiert werden Raumbezogene Werke von 8 Polnischen und Deutschen Kunstschaffenden die in beiden Ländern zu sehen sein werden. Gezeigt werden überwiegend Objekte und Installationen. Dabei treffen sehr unterschiedliche Ausdrucksformen die mit Adjektiven wie verspielt, zart aber auch unterkühlt oder überflüssig belegt werden können, aufeinander. Der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien stellt seine hervorragenden Räume einem Projekt zur Verfügung, dem trotz seiner ernsthaften Erscheinung eingreifende Veränderungen in den Haushalten von sozialen Einrichtungen in den jeweiligen Ländern scheinbar egal sind, dass sich dafür jedoch ausführlich mit typisch künstlerischen Produktionsmethoden, die aus Isolation, Prozess und Pseudoformalismus aber auch aus Alltagskultur schöpfen, befasst. Doch entscheiden sie selbst. Im Gegensatz dazu ist ...

01.11.2004

Believe it or not

16. Oktober bis 28. November 2004

... eine wahre Fundgrube der Inspiration und spielerischen Auseinandersetzung mit deutlichen Spuren aktueller sozialer Themen wie Star-Kult, Widerstandsbewegungen, Egoismus, Tod, Spiel, Traumwelten oder Politik. "Believe it or not" ist Spiel mit der Realität, sagt der Kurator, und greife somit aktuelle Strömungen aus der Gesellschaft auf. Die Perfektion im Bezug auf die Themenwahl wird bei der Ästhetisierung der Darstellungsmethoden fortgesetzt und findet Ausdruck in Fotografie, Malerei und Videopräsentationen. Fiktion und Wirklich verschmelzen zu Wunschszenearien, klassische Anwendungen von Malerei und Fotografie überschneiden ihre Grenzen um neue Wege zu zeigen. So werden wie bei Cisca Bogman fotografische Medien als Ausgangsmaterial benutzt, kompositorisch erweitert um auf der Leinwand zu einem neuen Ausdruck zu gelangen, der dieses Spiel mit den Welten widerspiegelt. Fotografischer Grenzgänger ist Miklos Ga¡l der mit seiner sensiblen Bildsprache klar Abstand zum dokumentarischen Duktus von Fotografie gewinnt. Und June Bum Park zeigt in erschreckend einfacher Weise das Jedermann seinen Traumberuf "ergreifen" kann. Die Flure sind gespickt mit Alexander Györfis Videos über Star-Kult und riechen förmlich nach Protagonistenallüren und Extrawurst. Und schon spielt die Realität mit uns, setzt uns die Hörner auf, zieht uns den Boden unter den Füssen weg. Herrlich.

Kurz - es erwarten Sie ausdruckstarke Malerei, bewegende Fotografien, witzige Videos.

Auch diese beiden Ausstellungen betonen wieder einmal die Wichtigkeit des Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien.

01.08.2004

Tillmans, ein dufter Typ

Jahr für Jahr entflammt an den Preisträgern namhafter Stiftungen die Debatte darüber, was denn nun Kunst sei. So geriet auch der im Jahr 2000 turnerpreisgekrönte Wolfgang Tillmans, geboren 1968 in Remscheid, hin- und hergeworfen durch die Kategorisierwut der kunstanalysierenden Fachprominenz und mit dem Vorwurf der Oberflächlichkeit und des Chronistendaseins konfrontiert, zwischen die Fronten.

Anfangs hatte sich Kunstszene auf die Abbildungen der Club- und Jugendkulturen, der Homo- und SM-Szene gestürzt. Sind das schließlich sichtbare Anzeichen dafür, dass es sich um eine ernsthafte bildhafte und akute Auseinandersetzung mit Gesellschaft handelt. (vgl. auch Kauke, Mapplethorpe, Flatz) Doch auch Tillmans hat sich verändert. Bekannt geworden durch Abbildungen aus Mode und Musik, torpedierte Tillmans später auch die klassischen Genres der Fotografie das Portrait, die Landschaftsaufnahme bis hin zum Stillleben. Und wenn ihm mal nichts einfällt, dann fotografiert er eben Kiwis. Dass Tillmans weit mehr ist als ein Chronist seiner Zeit belegen auch seine neuen abstrakten Bilder, mit dem Titel "Freischwimmer", fragil wirkende Kompositionen, die ohne Negativ durch Lichteinwirkung auf Fotopapier entstehen... Man könnte meinen er habe Pigmente in Wasser gelegt. Neben diesen lichtmalerischen freien Ausdrucksformen kann man in der Linienstrasse bei Neugeriemschneider einen interessanten Querschnitt aus Motivwahl, Arbeitsmethodik und Technik sehen. Positiv zu bewerten ist dass Tillmans nicht im Ästhetisierungsprozess hängen bleibt sondern eher im Gegenteil respektlos mit Material und Werkzeug umgeht. So sehen wir dann auch HiQ-Vergrößerungen neben hochgezogenen Digitalkamera-Schnappschüssen. Softe, abstrakte Lichtmalerei wird abgelöst von Momentaufnahmen bewegter Landschaft, die wiederum von frontalen Genitaldarstellungen.

Tillmans rettet sich über eine formale Strenge hinweg, die just den rechten Weg findet zwischen Flüchtigkeit und Permanenz.

Wer sich eine Übersicht über Tillmans Werke verschaffen möchte, sollte zu einer der zahlreichen Monografien und Künstlerbücher greifen, z.B. dem Katalog aus der Tate Britain- Ausstellung

Unsere Meinung: "Tillmans ist ein dufter Typ" anschauen, Buch kaufen, Kunst erleben.

31.05.2004

Robert Mapplethorpe *1946 gest. 1988

Mapplethorpe, The Robert Mapplethorpe Foundation

"I come from suburban America. It was a very safe environment, and it was a good place to come from in that it was a good place to leave." - resümierte Robert Mapplethorpe über seine Kindheit und Jugend auf Long Island am Rand von New York. Dort wurde er 1946 geboren; später in Brooklyn dann zum Künstler ausgebildet.

Wo konnte Mapplethorpe seine Vorstellung des Lebens besser umsetzten, als im "Mekka des anders sein". Er arbeitete nicht im Freien dem Stadtraum. Seine Aktionsfelder sind die hermetisch abgeschlossenen Räume des Privaten, des Foto-Studios oder der S/M-Szene-Lokalitäten in denen die Vertrautheit der Umgebung unerbittlich die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber verlangte - konzentriert auf das Verlangen nach Intensität, Perfektion und dem Menschen.

Angefangen hat es mit den kaum dokumentierten Arbeiten am Pratt Institute, wo er verschiedenste Materialien benutzt hat und ging über zu ersten Collagen von nicht selbst erstelltem fotographischen Material aus Katalogen und Werbe-Anzeigen.

Er betrachtete zu Anfang seiner künstlerischen Tätigkeit nicht die Fotografie sondern das Foto im Sinne eines Materials, als Mittel des Ausdrucks

Es folgten Arbeiten mit Polaroids: Selbstportraits, Portraits der engen Freundin und Rockpoetin Patti Smith , obsessive Portraits aus der New Yorker homoerotischen S/M-Szene mit teilweise schockierenden Detailaufnahmen des drangsalierten männlichen Körpers oder Genitals. Mitte der 70er ging er über zu professionellen Medien, wie der Großformatkamera mit dem bekannten quadratischem Bildausschnitt. Das Format 10x10 Inch wird dann auch seine bevorzugte Größe für Fotoabzüge.

Zu Anfang der 80er Jahre presst er auch Blüten, Blumen, Vasen, klassisch anmutende Still-Leben mit Urnen und typischen 80er-Jahre Voiles, hochstilisierte Akte von beiden Geschlechtern in ausgezeichneter fotografischer Abbildungsqualität in dieses Format. Dann waren da noch die Aufnahmen von griechischen Büsten des Merkur und Hermes an denen man die Stilmittel der Stillleben-Fotographie der damaligen Zeit ablesen kann. Ähnliches (Schattenwürfe von Rollos) wurden auch gerne von den Malern der Neo-Realisten verwendet.

Er experimentierte mit Licht und Schatten, Form und Farbe, seziert die klassischen Still-Leben in Einzelteile, lenkte den Blick auf die einzelnen Komponenten, variiert kompositorische Mittel. Als Vollblut Fotograf wendete er ästhetisierende Verfahren wie Gaussian und Softener an bzw. deren analoger Entsprechung in Form von Silber-Gelatine Abzügen und Weichzeichner-Linse, wodurch insgesamt die Qualität seiner Abbildungen deutlich anstieg. Ihm sind die gängigen fotografischen Verfahren vertraut (Color Polaroids, Fotogravur, Platinum Prints auf Papier and Leinen, Cibachromes und Transferdrucke). In Einzelstücken sind auch verschiedene Rahmungen entstanden; dort wird das Foto wieder zum Objekt weil es platziert , mit Eisweißfarbe gefärbt, oder collageähnlich gereiht und geschichtet wird.

Mit zunehmender Bekanntheit findet M. Auftraggeber aller Art. Inszenierte Darstellungen von Kindern, Erwachsene in eigenen Posen wechseln sich mit den weiterhin verfolgten Interpretationen partnerschaftlicher Beziehungen homosexueller, teils namenloser oder gesichtsloser Darsteller ab. Es gibt viele Portraits von Ikonen der Künstlerszene dazu gehören Peter Gabriel, Robert Wilson, Philip Glass, seinem großen Vorbild Andy Warhol und anderer, deren Namen hier aufzulisten hier kein Platz ist. Nur wenige von Ihnen darunter Lydia posieren mehrmals für ihn. Von Lydia gibt es ganze Serien. Seine Selbstportraits in denen er sicher immer wieder inszeniert, zeugen von Selbstbewusstsein aber auch Sehnsucht.

Mapplethorpe, ARTnews, 1988

"I don't like that particular word 'shocking.' I'm looking for the unexpected. I'm looking for things I've never seen before. I was in a position to take those pictures. I felt an obligation to do them." ... ist das Statement Mapplethorpes was mich an der aktuellen Ausstellungs-Konzeption des "Deutsche Guggenheim" zweifeln lässt. Es zwingen sich mir folgende Fragen auf. Kann man obsessive Werke eines homosexuellen Künstlers immer noch nicht als in der Prägung eigenständiges Werk zeigen? Gibt es wirklich keine Möglichkeit einen Besucher mit homoerotischen Kunstwerken zu konfrontieren, ohne ihm zu vermitteln das die Kunstgeschichte hier Vorbild oder zumindest Pate war. Könnte es sein das die behaarte und mit einem Lederriemen gefütterte Anus-Rosettte des Künstlers einzig und allein auf seine kunstwissenschaftliche Vorbildung zurückzuführen ist. Der letzte Gedanke scheint verlockend für jeden Normalo dessen innerstes sich gegen eine "von Gott gegebene" Homosexualität wehrt. So könnt man mit ruhigem gewissen auf die Werte des Barock, der Renaissance und der Antike zurückgreifen ohne Position beziehen zu müssen. So nicht! Die ureigene Entwicklung eines Künstlers lässt sich dort am Besten verfolgen wo die Einflüsse nicht berechenbar gewesen sind. Wo Spontanität und Leidenschaft die Arbeit prägen und zusammen mit ganz persönlichen Erfahrungen nach bildnerischem Ausdruck verlangen. Zugegeben seine Arbeit trägt manieristische Züge, er war der Schönheit eines menschlichen Körpers verfallen, doch ist die im Manierismus verbreitete Darstellung von zielgerichteter Folter mit Märtyrertum vergleichbar mit den gewaltgeladenen freizeitfüllenden S/M-Szenen?

Es bleibt zu überprüfen. Machen sie sich selbst ein Bild. Gut verdaulich scheint das ganze ja zu sein und somit perfekt für die mittägliche Lunch Lecture des Guggenheims. Danach kann man dann unbeeindruckt wieder an die Arbeit gehen als wäre nichts gewesen ...